FT | Arbeitsweise

FT 2014

 


Heute ein Maler zu sein, bedeutet mit dem Verlust einer großen Tradition umgehen zu müssen. 1

Meine Bilder ermöglichen neue Lesbarkeiten der klassischen Mythen. Der Betrachter kann nur im einzelnen, für sich, durch assoziative Korrespondenz mit dem Bild, zu einer Deutung des von mir dargestellten kommen. Denn meine Bilder bieten weder alleingültige, noch allgemeingültige Neudeutungen der klassischen Mythen an. Mit ihren Heldengeschichten und Dramen wurde die klassische Mythologie zum Zwecke der Interpretation und zur Formung des Menschen erschaffen. „In der Nachhut der frühen Helden erst werden Menschen möglich, die sich selber sichern, indem sie routinemäßig lernen, zu können, was in ihrer Zeit zum Menschenmöglichen gehört. “ 2

Jede Tätigkeit kann Kunst evozieren. Diese Auslösung durch meine Arbeit am Bilde möglich zu machen, ist meine Arbeitsprämisse. Die Vorraussetzung dafür ist ein höchstmöglich unbefangenes Arbeiten, im Rahmen des ahnenden Erfassens, welches das Wissen von einer mit Sicherheit eintretenden Richtungsweisung von Seiten des Bildes einschliesen muß. Notwendig hierfür ist, dass ich zu einer intensiven Verbindung mit dem Gemälde fähig bin. Eine Vereinigung von Bild und Maler muß stattfinden, im Zusammenschluß mit der versicherten Erkenntnis, dass ein Bild enstehen wird.

Eine feste Vorlage, gar das ganze Bild unveränderbar im Kopf, ohne das ich davon abweichen kann, behindert die Entstehung des Kunstwerkes. Diese Erkenntnis stellt einen wichtigen und bleibenden Grundsatz meiner Arbeit dar.

Nichts ist ehrlicher und persönlicher als das Unterbewußtsein. Meine eigenmethodische Auswahl der mythologischen Epsioden für jedes neue Bild und die unzensierte Vorkomposition, ist ein Versuch dieses anzuzapfen, um es zur Triebkraft meiner Arbeit zu machen.

Meine Methode der Bildproduktion ist die, ohne Eingreifen des kritischen Ichs, sowie unter Verzicht auf Absichtlichkeit und Erschließbarkeit zu Komponieren und alles was in Hinsicht auf wiedererkennbare Zusammenhänge als fehlerhaft gelten könnte zuzulassen. Während des Entstehungsprozesses erfolgen automatisch Interpretationen des Sichtbaren. Diese sind immer einzigartig in ihrer Wirkungsweise auf die weiterführende Arbeit.  



                          Darstellung meiner Arbeitsweise, in drei Abschnitte gegliedert.

                                               Erster Abschnitt, Auswahl der Episode.

Episoden aus der klassischen Mythologie und anderen großen Erzählungen herausgelöst, geben den Impuls für den Beginn eines neuen Bildes. Das Auftreten des Impulses fördere ich, indem ich beim Lesen dem Dargestellten assoziativ begegne. Dies tue ich unter Ausschluß von Absicht oder Zensur. Die Stärke des Impulses und seiner Eindringlichkeit entscheiden über die Auswahl der Episode.

                                                   Zweiter Abschnitt, Vorkomposition.

Die Vorlagen für die Fixpunkte der Episode werden größtenteils dem Internet entnommen. Hierbei versuche ich am automatischen Kreieren orientiert auszuwählen. Das heißt, ich wähle ungefiltert Abbilder aus. Durch das Einfügen in den Kontext der Epsiode, erhalten die Abbilder eine neue Bedeutung im Nebeneinander. Diese werden in Innenräume oder Landschaften platziert. Auch die Vorlagen für diese Elemente werden dem digitalen Fundus entnommen, ebenso aus Filmen in Form von Standbildern, aus dem eigenen Fotoarchiv, sowie aus den Werken anderer Maler.  Die Episode wird nicht in ihrer ganzheit akurat vorkomponiert, sondern wie oben geschildert, versuche ich mit Hilfe einer absichtslosen und  automatischen Methodik eine eigene Inszenierung zu kreieren.

                                                      Dritter Abschnitt, Malprozess.

Zuforderst werden die für die Episode signifikanten Elemente, meist die Figuren, malerisch erarbeitet. Für selbige wähle ich eine tendenziell naturalistische Darstellung. Dies ist keinesfalls zwingend, sondern dient vorerst dem Komponieren und der Erhaltung von Fixpunkten. Die Ausarbeitung wird soweit vollzogen, bis genannte Elemente sich gegenüber der hinzukommenden gestischen und ungegenständlichen Malerei behaupten können und als Spannungspunkte im Bild bestehen können. Als Maler ist es mein Ziel, eine hohe Spannung innerhalb der Komposition zu erzielen. Um dies zu erreichen, wird alles zugelassen, was an malerischen und gestalterischen Möglichkeiten vorhanden ist. Wie zBsp. die Verwendung von verschiedensten Bindemittelen, folglich Glanzstufen, das Nebeneinanderstellen von gegenständlichen und ungegenständlichen Elementen, feiner und gestischer Malerei, sowie der Einsatz von Effekten im Sinne von Effekthascherei, insofern diese von der Gesamtheit der Komposition aufgefangen werden können. Das Bild ist vollendet, sobald sich ein adäquates Maß an Umwandlung von Material, eine Selbstverständlichkeit der Komposition und eine befriedigende handwerkliche Qualität einstellen, so das selbiges Bild nach vielmaliger Überprüfung, durch eindeutige Selbstständigkeit überzeugt. Der Titel des Bildes wirkt schlußendlich als Vermittler zwischen der künstlerisch-malerischen und der erzählerischen Ebene und stellt eine Einladung zur Interpretation des Bildes dar.



 

1 nach Gerhard Richter,  2 Peter Sloterdijk, Weltfremdheit, Edition Suhrkamp 1781, Erstausgabe, S.23


| Über den Künstler|

02.01.1979 in Dresden
2003-2007 Studium der Malerei an der Alanus Hochschule, Diplom Oktober 2007
2006 Initiierung der Künstlergruppe Nairol Elauqa
2009 Initiierung der Künstlergruppe ZelaznyZelazny
2008-2011 Leben und Arbeit in Berlin
Seit 2012 Lebensmittelpunkt in Coswig bei Dresden


| Ausstellungen |

 


05.2007 Gruppenausstellung, B2B Bonn-Budapest Artist Exchange, Tuzrakter, Budapest
03.2009 UND#4 Plattform zur Präsentation von Kunstinitiativen, Karlsruhe
04.2010 Gruppenausstellung, Detecon, ZelaznyZelaznyBonn
03.2012 Galerie im Palais, Erfurt
09.2012 Iconic, Berlin
05.2014 Galerie am Savignyplatz, Berlin

05.2015 SKULPTURALE Die Galerie, Lindau, „Mythencocktail und Götterspeise"

| Ausstellungen Nairol Elauqa |

Einzelausstellungen

2016 „Ton in Ton Toni“ / S. Y. L . A. N T E N H E I M / Bonn
2015 „Mitternachtswerksatt“ / Brotfabrik / Bonn
2014 „Die Bilder des Nairol Elauqa“ / S. Y. L . A. N T E N H E I M / Bonn
2010 “Berlin ist besser als Frankfurt an der Oder?“ / Atelier / Berlin
2007 “Vermissen Sie die Malerei? -Nairol Elauqa“ / support your local artist / Bonn

Gruppenausstellungen

2016 „NACHSICHT 2016“ / S. Y. L . A. N T E N H E I M / Bonn
2015 “Von fremden Ländern und Menschen“ / Galerie Skulpturale / Lindau a. Bodensee
2014 “NACHSICHT 2014“ / S. Y. L . A. N T E N H E I M / Bonn
2012 „Florian Teichmann & Nairol Elauqa / Galerie im Palais / Erfurt
2012 iconic, im Rahmen der Berlin Berlinale  / Berlin
2008 „Triebwerk“ Diplomausstellung / Jack in the Box / Köln

Messen
2015 „S.Y.L.A.NTENHEIM-SAMMLUNG“ / Koelner Liste / Köln
2014 SUPERMARKET ART FAIR mit ‚S.Y.L.A.NTENHEIM‘ / Stockholm
2010 Berlin Bilbao Bangladesh“ mit ‚Support Your Local Artist‘ / UND#5 / Karlsruhe

 

                                                                                                                                                                      


Aus therapeutischen Gründen habe ich angefangen zu malen. Mit neunzehn. Ich habe mir durch Geduld und Beharrlichkeit eine Eintrittskarte für das Stück „Das Selbstbewusstsein“ erarbeitet. Nach ungefähr fünf Jahren glaubte ich mir dann selber, dass ich mit dem Pinsel umgehen könnte. Was die Erzeugung naturalistischer Abbilder betrifft zumindest. Mit Hilfe von Rastern, Fotovorlagen oder Projektionen wurde diese Fähigkeit auf die Arbeit am Bild reduziert. Das realistische Abbilden von der Natur, ohne technische Hilfsmittel, wurde nie perfektioniert. Es ist seit dem Studium als Anspruch an das eigene Können zurück getreten.
Ein Bild soll aus sich selbst entstehen können. Eine feste Vorlage, gar das ganze Bild unveränderbar im Kopf, ohne das man davon abweichen kann, behindert die Entstehung eines Kunstwerkes. Das lernte ich. Ich halte mich immer noch daran.
Mit diesem Leitsatz sind die Schranken aufgehoben. Alles kann zu großer Kunst werden. Was zählt ist gar nicht die inhaltliche Idee sondern die Konzentration auf ein weit möglichst unbefangenes Arbeiten. Sprich ein Vertrauen auf Farbverständnis und das Wissen von einer mit Sicherheit eintretenden Wendung oder Richtungsweisung von Seiten des Bildes. Vorausgesetzt man ist zu einer intensiven Verbindung mit dem Bild fähig; zu einer Unterhaltung. Es findet eine Verschmelzung von Bild und Maler statt. Es gibt keine rationale Erklärung oder ein Regelbuch. Ich bin das Bild, das Bild bin ich. Das Bild, hier mein Bild, existiert nur für mich. Dieses Bewusstsein erlaubt es mir zu vertrauen. Wie das Endbild aussehen soll, weiß ich gewissermaßen schon, ich muss nur malen, denn ich weiß wenn es fertig ist. Das Bild ist fertig, wenn es nichts mehr braucht. Jeder weitere Strich wäre zuviel.
Jeder theoretischer Überbau, aus der Sorge um Einzigartigkeit in den Analen der Kunstgeschichte ist mir fremd. Die Kunst muss neu werden, Altes aus den Angeln gehoben werden. Steht das zu Vorderst kommt danach nichts mehr. Oder anders: Ist man einmal genötigt sich fest zulegen, steht man sicher nicht mehr auf, vor allem wenn man mit seinem Konzept Geld verdient.
Ich schreib das hier nur, weil ich ein Diplom in Deutschland ablegen will. Ein Schein, der mir Handlungsfreiraum sichert. Studieren musste ich. Arbeiten kam nicht in Frage. Obwohl ich nichts gegen einen frühen Tot einzuwenden hatte wollte ich nicht langsam vor mich hin siechen, in kleinen Frühstücksräumen mit Brathering und Schweinskopfsülze meiner Kollegen vor der Nase und Radio als geistige Aktivitätssicherung.
Studiere ich, bin ich gesellschaftlich legitimiert. Das Überleben des Hedonisten in mir ist gesichert. Malen ist zudem noch gefordert. Ich brauch nur zu malen und meine Existenz scheint schlüssig. Sie wird hier nicht hinterfragt. Die Studienzeit ist die, in der man die Freiheit mit beiden Lungenflügel aufsaugt, bevor man endgültig erwachsen ist, zu einem wirtschaftenden Subjekt. Ein günstiger Umstand, der nur allzu bereitwillig als einzige Möglichkeit angesehen wird Zeit zu überdauern, ohne sich weit auf der kreisrunden Bahn fortbewegen zu müssen.
Reicher wird man immer mit der Zeit. Kostbare und wertlose Dinge lagern sich ab auf dem Türklopfer zum Hades. Sinn ist hinter der Tür. Vor der Tür ist das Warten. Warten ist unbedeutend aber die Konsequenz aus der Unfähig ohne zu Klopfen hineinzugehen.
Ich lerne wenig, weil ich mein Gedächtnis nicht steuern kann. Ich lerne nicht fürs Leben oder für die Schule, sondern für den Tod. Der Tod richtet über mich. Das größte Kunstwerk ist ihm gleichgültig. Er ist sein eigner Maßstab.
Male ich nur, weil ich Angst vor dem meditieren habe und mich an meiner Ratio festhalten will? Jedes Wort, das du hier lesen musst zeigt, dass nur zu deutlich. Stolz und Ehre, alte Werte halten mich davon ab meine Bilder wertzuschätzen oder sie gar zu lieben. Diese Werte schaffen es, dass ich jeden morgen, um dem letzten Moment näher zu kommen, aus dem Bett steige. Ein Knie vor das andere.
Farbempfinden und Proportionsmaß sind teure und edle Elemente in Relation zum ersten aller menschlichen Triebe; dem Willen zur Macht. Ich stelle eigene Werte über die Natur des Menschen. Ich möchte Frieden auch in Gedanken an den Tod und solange ich daran denken kann. Ich baue mir mein Haus, soll es mit mir untergehen. In einem anderen Haus zu leben wäre befremdlich.
In meinem Haus sehe ich Farbexplosionen hinter jeder Tür, Überrealistisches, Brillantes, Lichtgestaltetes, Dreidimensionales, mir Bekanntes über die Diele sich ergießen. Die Fenster geben die Spieglung alter Reflexionen wieder. Bilder aller Augen. Farben an der Zahl spielen mir vor sie wären alle nie geboren aber die Kinder der selben Mutter. Mehr Leben als die Unendlichkeit der Unvorstellbarkeit. Tanzen, ausrasten, Exzess, mit dem Verschwinden spielen. Sich der Illusion hingeben es gebe die Bedeutung des Augenblicks. Ein Bild, ohne die anderen Bilder. Ein Tag, ohne andere Tage. Das Leben, ohne den Tod. Ich, ohne die Anderen.
Leben, ohne malen.


 

Leben, ohne malen. 

FT 2006

 

FT 2006

Die Mitternachtswerkstatt | Die Samenlegung von Nairol Elauqa

Nicht vor neun Uhr Abends, kann man den Entschluss dazu, ernsthaft für fix erklären. Dem entgegengesetzt kann schon vorher, durchaus des Nachmittags ein solches Vorhaben für den kommenden Abend angesetzt werden. Das Zustandekommen selbiger Werkstatt hängt stark von dem Einsatz der Alphatiere und der Energie des Herdenzwangs ab. Mindestens vier Menschen müssen sich bereit erklären ihren Abend und den ihrer Sippe zu gemeinsam zu erleben. Dies kann allein durch die körperliche Anwesenheit gewährleistet werden. Sitzt dann alles im, durch die Stringenz der Arbeitsweise geformten, kreisrunden Gegenüber und sind die Betäubungsmittel schwesterlich aufgeteilt, die Farben, Stifte und Blätter  ausreichend vorhanden, ist die Musik undemokratisch und latent desinteressiert von dem Bereitsteller der Lokalität ausgewählt und alle Nichtigkeiten der täglichen Ratlosigkeit besprochen und ausgetauscht, ist der Ausgang der Veranstaltung bekannt. Wenn der Erste die Zwangszusammenkunft verlässt, gehen die Übrigen hinterher, erfreut über einen Schneisenschläger heraus aus dem unwegsamen, selbstgewählten Forst. Dichtes, undurchschaubares Unterholz, links und rechts der Schneise, bezeugt die Aktivitäten eines seiner Taten nicht bewussten Sammlers, für Erinnerungen, Überzeugungen und Glaubensgebilde.
Irgendetwas motiviert, auf minderwertige, weil dünne A4-Papiere zu kritzeln. Für Nichts was aufs Papier gebracht wird gibt es eine Garantie auf Beständigkeit. Es wird mit oder ohne Absicht übermalt. Nichts ist scheinbar für das einzelne Blatt endscheidend. Vielleicht nur für den Abend oder nur für den Begriff Mitternachtswerkstatt.
Ist es für den Einzelnen endscheidend, einmal Bestätigtes und Mitterschaffenes für sich selber immer wieder bestätigen zu müssen? Ist jeder Strich und jeder Fleck der das Auge streift auf dem Papier, eine Bestätigung der eigenen Existenz? Jedes Element auf dem Papier scheint mehr zu bewegen und mit größer Gewissheit sein Ziel zu erreichen, als man selbst.
Gelebte Unbefangenheit soll das Leben auf Dauer bunter und reicher an neuen und unverfälschten Eindrücken machen. Unbefangenheit kann hier geübt werden. Jeder ästhetische Anspruch wird im Namen der großen Freiheit belacht, belächelt, lächerlich gemacht, für unnütz erklärt, als Zeichen eines in Schranken lebenden Menschen laut aus-gerufen und mit dem Anspruch an das eigenen unangreifbare, weil unfassbare Selbstbild, morbid-leidenschaftlich bekämpft und zum Tode verurteilt. Nur mit einem Gegenüber kann dies vollzogen werden. Man ist angewiesen auf die Reaktion eines Anderen auf den eigenen Strich. Den eigenen Strich darf es nicht geben. Er muss erst sterben, um mit geklärtem Antlitz wieder geboren werden zu können.
Keinerlei Anspruch an Qualität, die ansonsten den Künstler in eigener Person ausmacht, als einzigster Anspruch, ist in ständigem Kampf mit dem Suhlen in alten Fahrrinnen des begrenzten malerischen Horizontes begriffen. Es kommt zu den Situationen welche jede Zwischenmenschlichkeit mit Würze versehen. Es beginnt das Wettrennen, um die Dünkel-Trophäe.
Wie erwähnt ergibt sich die Motivation zur Teilnahme an diesen Veranstaltungen aus der Energie des Herdenzwangs, welche einem die Kraft verleiht, sich gegen seine Triebe von der Vereinzelung abzuwenden. An einer Mitternachtswerkstatt teilzunehmen, ist ein weiterer Vorwand, um sich danach glaubhaft versichern zu können, Ziele fürs Leben müssen sich nicht als solche, für alle ersichtlich, als Ziele zuerkennen geben, um welche zu sein.
Doch komme man zu den Werken. Das Kunstwort wird hier aus gutem Grund nicht verwendet. Blätter meist in A4 Größe mit und ohne Rand, farbig, bunt, schwarz-weiß, mit Schrift, Text und Zeichen geben sich die Hand. Keinem ist die Urheberschaft zuzuweisen. Keiner will sie besitzen, pflegen oder schützen. Keiner braucht sie. Wenn ein Kunstwerk erworben wird ist immer ein Nutzen für den Käufer ersichtlich. Altersvorsorge, Sorge um die Motivation zu Depression oder Melancholie oder purer billiger Lebensfreude, Betäubung oder Inspiration, sind die Antriebe für den Käufer. Diese formlosen kleinen Blätter haben einen Erinnerungswert. Ein Potenzial an Witz kann ihnen zugestanden werden. Alles ausschließlich subjektiv zu erfahren.
Was macht ein solches Werk lebensfähig? Warum wird es nicht am Überdauern gehindert? Die Schöpfer sind auf unangenehme Art mit ihnen verhaftet. In dem Sinne, wie ein alte Frau Mitte siebzig mit ihrem alltäglichen Lebenswerk, das die Pflege ihrer Nägel betrifft, verbunden ist.
Wenn die Arbeit schwer ist sollten die Nägel schmutzig werden.



 

 
 
 

Der Herr Mitte vierzig

FT 2006

An einem Junitag begaben sich der Herr Cevales und der Herr Teichmann auf den Weg, nach dem Rheinufer in Bonn. Im Gepäck hatten sie, der eine kleine, der andere große und viele Kunstwerke aus Papier, bearbeitet mit Stift und Pinsel. Angekommen an der alten Zollstation machten sie sich auch schon daran ihre Kunst auf dem Boden auszubreiten. Bald stellte sich die erste Misslage bei dieser spontanen Unternehmung ein. Der Wind, am Ufer des Rheins kein seltener Gast, gab den beiden Künstlern einen Wink. Er blies die papiernen Arbeiten durcheinander. Er wollte wohl damit andeuten, dass, mit dem Auftreten der beiden ungerufenen Herren, sich das gewohnte Bild des Bonner Rheinufers, verändert habe.
Die ersten Menschen wurden bereits darauf aufmerksam. Neugierig, doch ein wenig scheu, schlenderten sie an der Kunst vorbei und ließen ihr edles Auge darüber schweifen. Die Scheu, wenn nicht sogar Abscheu und Furcht, war wohl mit dem Aussehen der zwei ungewöhnlichen Gestalten zu erklären, die sich als die Uhrheber der Werke erkennbar zeigten.
Auch das eine und andere Gespräch fand statt. Ein junger Herr, in den Zwanzigern, erkundigte sich über die Herkunft der Künstler und ihren schulischen Wertegang. Er verstrickte sich aber wohlweislich nicht in Kunstbetrachtungsgespräche, sondern blieb auf der Smalltalkebene. Er erklärte die unerhörte Intensität seines Interesses, an der hier feilgebotenen Kunst damit, das er auf seine Geliebte warte.
Große Konkurrenz bekamen die zwei selbst ernannten Vertreter der kreativen Menschheit, durch die permanente Abfertigung großer Rheinschiffe. Ganze Wohnblöcke, voller vergnügungssüchtiger Rentner, wurden ein oder aus geladen. Gezwungenermaßen wälzten jene Menschen, mit der meisten Freizeit, genüsslich an unseren zwei Gestalten mit ihren Teppichen voller Kostbarkeiten vorbei. Aber kein Geistesfunke zwang sie zu einem Seitenblick auf die Schätze aus Papier und Farbe.
Keine Dreißig Minuten hielten unsere zwei Freunde dieser Demütigung stand. Sie suchten sich kurzer Hand fünfhundert Meter weiter eine neue Stelle für ihre Ausstellung. Wieder am Rheinufer gelegen, war dies eine Stelle mit hervorragender Exponierung. Hier brachte es die Situation allerdings mit sich, das Gevatter Wind nochmals eindrücklich seine kontemplative Weisheit zum Ausdruck brachte, um die unsägliche Verbohrtheit unserer zwei Pinselquäler, welche dem Wind strotzend, ihre Blätter nun schon mit Steinen beschweren mussten, zur Schau zu stellen. Auch die Läufer, Fahrradfahrer und Hunde zeigten, durch ihre demonstrative Ignoranz, dass die Unternehmung zum Scheitern verurteilt war. Eine qualvoll lange Stunde später packten der Herr C. und der Herr T. ihre Augenweiten in ihre Mappen und machten sich auf zu ihrem letzten Haltepunkt, der Hofwiese.
Hier zeigte es sich bald, das aufgrund des Angebotes an Hopfengetränkes und Speisen aus vielen Kontinenten, sich einiges mehr Volk umhertrieb. In der Hoffnung nun die gerechte Anteilnahme ihrer Mitmenschen zu erhalten, rauchten Herr C. und T. brüderlich ihre letzte Zigarette. Denn gerade der ökonomische Engpass der beiden Künstler, von außerhalb, hatte sie hier in die große Stadt geweht.
Eine ältere Dame erniedrigte sich dann auch, ihre müden Augen über die Arbeiten zuhalten. Auf die schüchternen Hinweise der zwei Maler, die Kunstwerke wären hier einmalig günstig und aus erstester Hand zu erwerben, wurden nur mit einem stummen, kaum sichtbaren Nicken kommentiert. Auch die darauf folgenden Damen und Herren neigten nur unwillig ihren Kopf, zu Papier und Künstler. Überhaupt schienen die äußeren Erscheinungsbilder der zwei Zeitgenossen eher der Kommunikation abträglich zu sein.
Ihrem Schicksal geweiht sahen sich beide schon, mit leerem Geldbeutel und Lungen, wieder den Nachhauseweg antreten. Doch machte sich einmal mehr die Hartnäckigkeit bezahlt. Ein stattlicher Herr Mitte vierzig erschien unerwartet vor den armen Gestalten und beschaute eindringlich die vor ihm ausgebreiteten Schätze. Sogleich begann ein belebendes Gespräch, zwischen dem Herrn Mitte vierzig und dem Schaffer eigentümlicher, teils genähter, teils beklebter, bunt schillernder, A 4 formativer Kleinode der Papierkunst, Herrn C. Was dies wohl zu bedeuten hätte, wie man darauf käme, wo man dies lerne und was es kosten solle, waren die Fragen des Herrn Mitte vierzig. Die nun folgende Mitteilungsbedürftigkeit des Herrn C., schien den Herrn Mitte vierzig zu nächst darin zu bestätigen, dass es sich hierbei um echte Kunst mit Herzblut, sozusagen, handeln müsste. Doch bald glaubte sich der Herr Mitte vierzig in einen Kokon geistiger Ergüsse, von nie geahnter intimer Intensität, versponnen zuhaben.
Der Herr Mitte vierzig wandte sich ungehend dem zweiten Künstler und seinen Arbeiten zu. Herr T. lies es sich nicht nehmen ihm sofort seine gesamte Mappe unter die Nase zureiben. Ein Blatt, in der Größe eines Geigenkastens, löste augenblicklich Begehr bei dem Herrn Mitte vierzig aus. Zu sehen war ein Objekt, halb Windmühle halb Flugkörper. Augenscheinlich konnte der Herr Mitte vierzig hier ein Bezug zum Kunstwerk herstellen, da eine mindest Anforderung an Gegenständlichkeit und Widererkennbarkeit erfüllt wurde. Der Herr Mitte vierzig kam nämlich umgehend zum Wesentlichen. Wie viel der Künstler wohl gedenke zu verlangen.
Zwanzig.
Zwanzig sagte ganz brüderlich auch der Herr C., als er wiederum zu seinen Schätzen befragt wurde. Beide wurden bezahlt und waren jeder ein Stück ärmer, bekamen aber schon ein wohliges Brennen in der Lunge. Zu guter Letzt empfahl uns der Herr Mitte vierzig noch ein sehenswertes Museum ganz in der Nähe, kein gewöhnliches, er hätte eine persönliche Beziehung dazu. Der Herr Mitte vierzig erwartet wohl eine gewisse Anteilnahme. Gesetzt der Tatsache, das beide Künstler nunmehr in der Lage waren sich keinen ökonomischen Zwängen mehr unterwerfen zu müssen, sank ihr Interesse für die Menschen um sie herum, auf ein berufsbedingtes Mindestmaß herab. So das sie sich ganz der Pflege der eigen Persönlichkeit hingeben konnten, ihrem einzigen Kapital.
Zu Heim angekommen, wurden sie mit Fragen von ihren Kollegen überworfen, welche sich sofort über die Einträglichkeit dieser Art Unternehmung einig wurden. So wurde auch gleich eine neue Reise zur großen Stadt Bonn, in der nächsten Woche, geplant und durchgeführt. Bezeichnenderweise mit demselben zahlenmäßigen Ergebnis.
Der Erfolg von Ausstellungen im öffentlichen Raum (Parks, Fußgängerzonen usw.) hängt wie überall von den Resonanzen der Besucher ab und nicht von der Qualität der Arbeiten. Immer und überall muss sich ein, in die Öffentlichkeit gestelltes künstlerisches Produkt, an den Reaktionen der Öffentlichkeit messen.




 

© 2020 by Florian Teichmann